Von der Evolution zur KI: Entwurzelt uns die Digitalisierung?

Von Raphael Mayrhofer
27. März 2023
Lesezeit: 3 Min.

Ob Chatbots, digital generierte Fotos oder „Deepfakes“: Das Thema künstliche Intelligenz dringt immer mehr in die Öffentlichkeit. Viele Nutzer bejubeln den Unterhaltungswert der Apps. Doch hinter der Oberfläche lauern unabsehbare Gefahren: Tötungsroboter, Massenarbeitslosigkeit und totale globale Kontrolle.

ChatGPT ist in aller Munde. Die App ist beliebt, kurzweilig, spannend. Das Programm kann Texte zu jedem Thema produzieren. Der sogenannte Chatbot wirkt dabei sehr menschlich, führt Gespräche, beantwortet Fragen. Er nutzt dazu digitale Informationen aus Foren, lernt jedoch auch selbstständig dazu (Maschinelles Lernen).

Technik als logischer Schritt der Evolution?

Chatbots und Sprachassistenten wie Amazons Alexa oder Apples Siri sind praktisch, liefern schnell Informationen und bieten einen gewissen Spaßfaktor. Doch psychologisch reicht das Phänomen weit über Nutzen und Unterhaltung hinaus. Die künstliche Intelligenz entspricht einer tiefen Sehnsucht des Menschen. Der Sehnsucht nach Entwicklung. Auch über sich hinaus.

Seit Millionen Jahre hat sich der Mensch evolutionär an die Natur angepasst. Haare, aufrechter Gang, Augen und Haut, Muskulatur und Gehirnstruktur - sie alle ermöglichen spezifische Prozesse, die Vorteile bieten. Schutz vor Kälte, schnelle Fortbewegung, abstraktes Denken.

Doch nicht nur der Mensch selbst passt sich körperlich, geistig und seelisch an die Natur an. Er nutzt dazu auch Werkzeuge und verändert die „Umwelt“. Ob Häuser, Straßen, Landwirtschaft, Kleidung, Waffen, Küchengeräte oder Betten. Sie alle sind das Ergebnis eines Prozesses, in welchem der Mensch die Natur an seine Bedürfnisse anpasst.

Damit ist er nicht allein. Denn auch Affen knacken mit Steinen Nüsse. Schweine nutzen Stöcke zum Graben, Elefanten verwenden Zweige, um Fliegen zu vertreiben.

Kultur als Richtschnur menschlichen Handelns

Der zentrale Unterschied zwischen dem Mensch und den anderen Tieren liegt dabei in seiner „Kontingenz“. Während Tiere ganz natürlich und zwanghaft ihren animalischen Trieben nachgehen, ist der Mensch in der Lage, diese zeitweise zu unterdrücken.

Er kultiviert sein Triebleben. Gesetze ersetzen Gewalt, Sitten schaffen verbindliche Verhaltensstrukturen. Diese „Kultivierung“ ist der Ursprung der Kultur - und folglich der Ethik.

Kultur und Ethik bilden somit den Rahmen menschlicher Gemeinschaften. Gemeinschaften von Menschen, die sich zwischen den Zwängen der Natur und der Hybris der Bindungslosigkeit bewegen. Ein Drahtseilakt, der stets zwei Gefahren in sich birgt. Den Rückfall ins Animalische oder die Entkoppelung von der Natur.

Denn trotz aller evolutionären Schritte: Im Zentrum der Entwicklung stand bisher immer das natürliche Wesen.

Vom Natur- und Kulturwesen zum Technikopfer

Das änderte sich erst vor zweihundert Jahren. Mit dem Einsetzen der industriellen Revolution verlagerte sich der Schwerpunkt des Fortschritts zunehmend in Richtung Technik.

Ein Prozess, dessen Eigendynamik und Eigenlogik sich zunehmend beschleunigt. Der Einzelne wird dabei dem technischen Diktat unterworfen. Ob Überwachungskameras mit Gesichtserkennung oder permanente Erreich- und Ortbarkeit durch Mobiltelefone. Ob E-Autos, die zentral abgeschaltet werden können oder Häuser, die sich umprogrammieren und hacken lassen. Der Mensch wird vom Entwickler der Technik zu ihrem Opfer.

Und die Natur? Sie wird vom Maßstab der Anpassungsfähigkeit, vom Orientierungsrahmen, zur Begrenzung, die überwunden und zum Warenlager, das ausgebeutet werden muss.

Hier liegt auch der Ursprung von Geschlechtsauflösung und Entvolkung. Der Bezug zur eigenen Natur wird zur Belastung. Der postmoderne Mensch sehnt sich nach der „totalen liberalen Freiheit“. Er sehnt sich nach einem Dasein als Bestimmer über Nationalität und Geschlecht. Geschlechtsoperationen und Hormone ermöglichen technisch das bisher Unmögliche.

Massenmigration als Folge technischer Totalmobilisierung

Bomben, Agrarkonzerne und private Fischereiflotten erzwingen die totale Mobilisierung im globalen Süden. Und auch die anschließende Massenmigration nach Europa wird erst durch moderne Fortbewegungsmittel möglich.

Migranten werden so zu modernen Arbeitssklaven. Ihre Verfügbarkeit soll künftig technisch geplant und gesteuert werden. Zumindest wenn es nach dem Willen des Globalisten Parag Khanna geht. Die Massen, die durch Krieg, Armut und Strukturabbau ihre Heimat verlassen müssten, sollten dorthin gebracht werden, wo sie im Rahmen der Globalisierung benötigt würden.

Der italienische Philosoph Diego Fusaro spricht in diesem Zusammenhang vom „homo migrans“ als Prototyp des postmodernen Menschen. Losgelöst von der eigenen Heimat und zum Humankapital verdinglicht, ist er als flexibler Produzent jederzeit an beliebigen Wirtschaftsstandorten einsetzbar. Deterritorialisiert, digital gelenkt. Der Mensch wird selbst zur Ware, zum Produzenten, zum Konsumenten. Das Großkapital profitiert.

Im zweiten Teil dieses Kommentars geht es um den aussichtslosen Kampf zwischen Mensch und Maschine, das Ende der Freiheit und den Menschen als ganzheitliches Wesen. Der Beitrag erscheint morgen Dienstag. 

Zum Autor: Raphael Mayrhofer ist seit vielen Jahren für zahlreiche Alternativmedien tätig. Als Redakteur und Medienfachmann begleitete er den „Wochenblick“ ab seiner Gründung. Seinen Fokus legt der studierte Publizist dabei auf die Themenbereiche Souveränität, Identität, Nachhaltigkeit und Solidarität. Seit 2022 kümmert sich Mayrhofer als leitender Redakteur um das Format „Gesund AUF1“.

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